Böblingen: rund 250 Motorradfahrer haben gestern der Unfallopfer gedacht.

Sindelfingen/Böblingen:09.Oktober 2011 - 23. Gedenkfahrt für verunglückte Motorradfahrer

Auszug aus den Stuttgarter Nachrichten | Montag 10.Oktober 2011 | von Anja Tröster

Das Adrenalin kann auch besonnene Fahrer für einen kurzen Moment verführen - in jenem Augenblick, in dem man, wie Michael Aschermann es nennt, den "Hahn spannen" will und über die Folgen nicht nachdenkt. Fünf Minuten, in denen man den Kitzel heiß spürt und die Freiheit voll auskostet. "Wenn die Strecke frei ist, spricht auch nichts dagegen", sagt Aschermann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft christlicher Motorradfahrer, die die Gedenkfahrt jedes Jahr organisiert.

Doch er weiß, dass die fünf Minuten oft genug in einer Tragödie enden: Knapp 50 Motorradfahrer sind der Landespolizeidirektion zufolge seit Jahresbeginn auf württembergischen Straßen tödlich verunglückt. Diesen Toten war der gestrige Gedenkkorso und der Gottesdienst in der Böblinger Paul-Gerhardt-Kirche gewidmet. Mancher der rund 250 Teilnehmer reiste dazu sogar aus anderen Bundesländern an.

Die Ursachen für das nach wie vor hohe Risiko der Motorradfahrer zu verunglücken seien vielfältig, sagt Aschermann, der bei "Gib acht im Verkehr" in der Arbeitsgemeinschaft Motorrad mitarbeitet. Bei den tödlichen Unfällen trügen die Zweiradfahrer in knapp zwei Dritteln aller Fälle selbst die Schuld. "Das Hauptproblem sind wir selbst", sagt Aschermann klar. Knapp ein Drittel der Fahrer stirbt sogar bei Unfällen, bei denen es gar keine Beteiligten gibt - aufgrund eigener Fahrfehler.

Anders sieht die Sache bei jenen Unfällen aus, die die Motorradfahrer überleben, wenn auch möglicherweise schwer verletzt: Sie seien in zwei Dritteln aller Fälle von den Autofahrern verursacht worden, sagt Aschermann. Erst in der vergangenen Woche habe dieses Schicksal einen Freund aus der Arge Motorrad getroffen: Ein 77-jähriger Autofahrer habe ihm die Vorfahrt genommen. Ob er jemals wieder werde laufen können, seufzt Aschermann, sei fraglich. "Wir wissen nicht, ob und wie er weiterleben wird", sagt er.

Viele Teilnehmer des Korsos teilen Aschermanns Trauer. Fast jeder kennt einen Verunglückten. Es herrscht eine in sich gekehrte Stimmung - vielleicht, weil viele gläubige Christen wie Aschermann dabei sind. Diese Andächtigkeit zieht Heinrich Baum seit 20 Jahren an: "Ich habe viele Korsos mitgemacht, aber keiner berührt mich seelisch so wie dieser hier", sagt der 64-Jährige aus Saarbrücken, der sowohl die Atmosphäre der Fahrt wie auch das Ambiente der Kirche schätzt. Vor elf Jahren verunglückte sein Sohn bei einem Autounfall tödlich. Seither ist der Korso noch wichtiger für Baum geworden. "Hierherzukommen ist jedes Mal auch ein Ausdruck des Dankes, dass nichts passiert ist", sagt er.

Wenn es nach Michael Aschermann geht, soll der 23. Korso in Folge aber nicht nur der Trauer um die Toten Raum geben, sondern auch die noch lebenden Motorradfahrer zu mehr Besonnenheit mahnen. Sich dieser Haltung anzuschließen, das weiß Aschermann aus seiner Erfahrung als Sicherheitstrainer, fällt vielen Motorradfahrern schwer. Selbst jene Besonnenen, die sich des Risikos bewusst sind, können hin und wieder vom Kitzel gepackt werden. Sobald Adrenalin im Spiel sei, sagt Aschermann, nehme die Angst ab, lasse das rationale Denken nach.

Gefährlich sei vor allem, wenn bei Gruppenfahrten oder spontanen Treffen unterwegs Konkurrenzdenken und Rivalität entstehe. Ganz ausschalten lasse sich das wohl nie, sagt Aschermann. "Der Kopf kann den Bauch nie ganz kontrollieren." Und weil in vielen Fällen eben auch die Autofahrer die Schuld trügen, würde jeder auf den anderen zeigen: die Zweiradfahrer auf die Autofahrer und umgekehrt. Dabei könnte ein wenig Rücksichtnahme auf beiden Seiten viel dazu beitragen, die Unfallzahlen zu senken.